Hans-Joachim Heyer

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(Mai 1997): Ich habe seit etwa 15 Jahren zwei Gewohnheiten: Einmal die Gewohnheit, meine Träume zu erinnern und aufzuschreiben und einmal, meine Tageserlebnisse zu reflektieren. Dabei  machte ich einige interessante Entdeckungen: Mir fiel auf, daß alle meine Träume irgendwie zusammenhingen. In allen benutzte „ich“ dieselben Symbole mit denselben Bedeutungen: „Einen Berg hinaufgehen“ etwa bedeutet in allen Träumen dasselbe. Oder das Hinabsteigen in  eine Höhle, das Fahren in einer Pferdekutsche, das Fliegen mit oder ohne Hilfsmittel, Uniformen, Zirkusclowns, Flüsse , Seen und Straßen. Mir fiel auf, daß mir im Traum viele bunte Geschichten erzählt wurden, die immer dasselbe meinen: Sie wollen mir erzählen, wer ich bin.

Hier machte ich erstmals Bekanntschaft mit „dem Netz“. 1000 Geschichten und Bilder offenbarten mir eine einheitliche Struktur. Es erinnerte mich an das Schachspiel: Tausende  Schachpartien, die in Büchern oder meinem Komputer abgespeichert sind,  sind bildhafte Darstellungen einiger abstrakter unveränderlicher Regeln. Die Regeln - das ist „das Netz“, und die Partien sind die der Zeit unterworfenen Geschichten, die aus dem Netz  hervorgehen.

Eines Tages kam mir meine zweite Gewohnheit zugute: Auch meine Tageserlebnisse ließen eine Vernetzung erkennen. Auch sie erkannte ich als zeitliche, bildliche Darstellungen eines nicht der Zeit unterworfenen Netzes, das ich als meine eigene geistige Struktur erkannte. Meine Träume und die sogenannte „reale“ Welt waren von nun an gar nicht mehr so verschieden. Ich konnte beides benutzen, um mich kennenzulernen. Ich - das war nun das Netz! Aber das Netz ist ewig! Nur wenn ich es der Zeit unterwerfe, entstehen Bildergeschichten, meine Mythen,  aus denen ich bestehe - und die sog. Alltagswelt. Mir wurde klar, daß ich ein ewiges, unsterbliches Wesen bin, doch erstaunt mußte ich feststellen, daß meine äußere Erscheinung alterte. Einige Jahre lang analysierte ich dieses Geheimnis.

Dann fand ich die Lösung: Das tägliche Fortspinnen der Alltagsgeschichten ist’s, was mich alt werden läßt: Ich verglich diesen „Fortsetzungsroman“ immer mehr mit der Absonderung von Zeitfäden: Indem ich mich ENTWICKELE, sondere ich „Zeitfäden“ ab, die mich umbringen werden, wenn ich es nicht schaffe, diese Fäden wieder einzusammeln und in mein Netz einzuknüpfen. Wie eine Schnecke auf ihrem Weg eine Schleimspur hinterläßt, bleibt hinter mir eine lineare Fortsetzungsgeschichte, meine Biographie, zurück. 

Was war zu tun? Wie biege ich meinen geradlinigen „Lebenslauf“ um zu einem ewigen, unendlichen  Kreis? Wie mache ich meine Vergangenheit zur ewigen Gegenwart?

Nach Jahren fand  ich die Antwort: Indem ich mit meinem Alltagsleben dasselbe tue, wie mit meinen Träumen! Meine Träume verknüpfe ich ja auch nicht zu einer langen Kette, sondern interpretiere sie zu einem runden Gesamtbild, in welchem ich mich dann wiederzuerkennen habe. Also begann ich, alle meine Gedanken und Erlebnisse zu interpretieren, um anhand des so entstandenen  Bedeutungsgeflechts meine geistige Struktur aufzudecken, das Netz, das ich bin. Alles in mir oder was mir zustößt, hat nun mit allem zu tun. Vergangenheit und Gegenwart werden miteinander verschmolzen. Eine völlig andere Denkhaltung entsteht. Ihr folgt ein Gefühl der Ewigkeit.

Sie können dies an meinen HP-Artikeln nachvollziehen: Alle Artikel ergänzen und erklären sich gegenseitig und bilden ein Netz.

(Ist Ihnen schon aufgefallen, daß fast alle meine Artikel immer aktuell bleiben? Warum? Weil sie nicht weltliche Geschehnisse beschreiben! Schreibe ich: „Heute geschah dies und jenes“, wird es morgen veraltet sein. Schreibe ich: „Dies bedeutet das und jenes“, wird es dies auch morgen bedeuten.)

Dieses Netz bin ich. Jeden Abend sammle ich meine abgesonderten Gedanken und Erlebnisse wieder ein, damit meine Kontinuität (in der Zeit) aufhört. Und siehe, es funktioniert. Endlich fühle ich mich  so, wie ich wirklich bin; als ewiges Wesen, das Zeit, und damit Raum/Zeit-Geschichten absondert und wieder einsammelt. Was sind Millionen Jahre für die Ewigkeit?

Man wird mich fragen, ob das, was ich hier geschrieben habe, auch wahr sei. Lieber Leser: Sind deine Träume wahr? Nein? Ist die Welt, in der du lebst, wahr? Ja? Dann ist meine Geschichte nicht wahr, denn  mein Tun findet in einer anderen Welt statt! Du hast dich für einen bestimmten Zeitstrang entschieden. Die Fäden, die ich meine, liegen nicht in diesem Strang. Du hast ein Schicksal in einer einzigen Realität; ich habe 1000 Schicksale in 1000 Realitäten. Mit einem Schicksal bin ich für mein irdisches EGO und für dich auf dieser Welt. Aber ich identifiziere mich nicht mit nur diesem einen Schicksal und schicke die anderen nicht in den Untergrund (das sogenannte „Unterbewußtsein“, das es nur für Scheuklappenbewußtseine gibt)!

Ich bin alle meine Leben, auch die Traumleben. Ich bin’s aus reinem  „Selbsterhaltungstrieb“, denn der individuelle Tod der Menschen in dieser Welt ist Symbol für den Untergang dieser Welt. Diese materielle Welt wird immer wieder  untergehen; sie ist der permanente Abgrund  (und  trotzdem wird es die Welt immer geben, gleichwie es trotz des Todes immer Menschen geben wird). Es würde mich schaudern machen, mich auf diesen einen Weg zu beschränken.

Die Naturwissenschaft macht’s freilich anders: Hier werden empirische Netze geknüpft: Zeitnetze, die einen Strang aufkosten aller anderen ausspinnen. Sie wenden das Kausalitätsgesetz an, indem sie es immer nur auf Erscheinungen anwenden, also von Erscheinungen auf Erscheinungen auf Erscheinungen usw; ich bilde keine Kausalketten; ich führe kausal bloß die Erscheinungen auf den Geist zurück; meine „Kette“ besteht aus nur einem Ring.

„Abrakadabra,
wo Gedanken zu Kreisen sich schließen,
Objekt - Erscheinungen dem Geist entsprießen.“ (s. "Gedichte": Geheimwissenschaft)

Fortführung 14.6.2001: Meine Erkenntnis der Identität der der Alltagswelt und der Traumwelten zugrundeliegenden geistigen Struktur, welche ich Seele nenne, erzeugte eine Art Verschmelzung aller Welten: Die Alltagswelt reicht in die Träume hinein; die Träume reichen bis in die Alltagswelt. Das Erleben dieses Hineinreichens der Träume in die Alltagswelt nannte ich die "Wiederverzauberung der Welt" (s. entsprechende Aufsätze in dieser HP). Mein Hauptproblem ist nun die Starrheit der Alltagswelt, bzw. die Starrheit des Glaubens ihrer Bewohner. Diese haben keinen Willen außer den, die wissenschaftlich / technische Alltagswelt durch ihren unumstößlichen Glauben an sie zu stützen. Ihre Magie ist starr, tödlich, nicht als Magie zu erkennen, da sie im alltäglichen Leben einen anderen Namen trägt. Meine Magie ist zu schwach, dort, wo die Leute starr sind. Deshalb muß ich ihre Welt akzeptieren, wenn's auch schwer fällt. Nur wo in ihrer Welt der Zufall herrscht, bin ich mächtig.

Auch an der Uni gibt es viel zu lernen bezügich des Zeitnetztes, denn dort wird der Verstand besonders ernst genommen, mit der Folge, daß sich die dortigen Experten in Sachen Rationalität auf besonders tragische Weise in unsichtbare Widersprüche verheddern (einen armen PD mal ausgenommen; das muß der Gerechtigkeit wegen gesagt werden) - und genau dafür hoch bezahlt werden, damit auch die Studenten sich verirren und den Herren der Welt nicht zur Konkurrenz heranwachsen. Ein Lehrling der Magie fragte mich einmal, weshalb ich mir es überhaupt antue, fast täglich die Uni zu besuchen. Ich sonderte aus meinem Zeitnetz einen Faden ab, dessen Beschreibung lautete: Es gibt dort viele junge Menschen. Vielleicht ist ein Zauberlehrling unter ihnen.

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