Hans-Joachim Heyer

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von Hans-Joachim Heyer - Teil 6


22.8.2000, 11.32 Uhr = 08221132 Lieber P,
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Jo: > >Okay, ich war hier von einer anderen Art des Zufalls ausgegangen. Ich hatte gedacht, wenn der Zufall indeterminiert ist, zerbricht er die rationale Verbindung zu dem, was via Mutation kommt. Das würde dann natürlich auch in der Rückbetrachtung gelten: Wir könnten dann nichts mehr über die Vergangenheit wissen, nicht mal, wer unsere Eltern sind usw. Bei "deinem" Zufall unterstellt man eine unentdeckte, evtl unentdeckbare, Determination. Dann ist eine Geschichtswissenschaft (und die Evolutionstheorie ist doch eine oder?) möglich. Aber: Was ist dann Mutation, wenn alles determiniert ist?
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P.: > Ich glaube, ich ahne wo das Problem ist, und versuche es mal zu beschreiben:
>
> Nehmen wir mal an, wir nehmen zu unseren drei Dimensionen die vierte der Zeit wie eine Raumdimension einfach hinzu (der Einfachheit nicht irgendwie aufgewickelt sondern linear). In diesem Bild betrachten wir unsere Welt. Die "geschichtlichen" Ereignisse sind dann quasi statisch eingefroren, in diesem Bild gibt es ja keine Bewegung mehr. Die Bewegung eines Tennisballes ist dann z.B. so eine Art Zylinder in dieser vierdimensionalen Raumzeit. Ich stelle mir das gerne so wie einen Bernsteinkristall vor.
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> Jetzt können wir uns die Frage stellen, wo in diesem Bild noch Zufall ist. Wenn wir den ganzen Kristall (der ja sozusagen unendlich ausgedehnt ist, sehen können), dann gibt es hier eigentlich nicht mehr viel Zufälliges. Denn in dem Gedankenexperiment sind wir dann ja zeitlose Wesen, die auf den Kristall von außen draufschauen.

Jo: Ich habe hier eine andere "Vision". Wir, als multidimensionale Wesen, sind nicht statiasch, sondern unser Geist brodelt in rückgekoppelten Schleifen, in den auch die Zeit in sich selber zurückläuft und sich zur ewigen Gegenwart aufhebt (Ich sehe die Zeit an die echten Prozesse gekoppelt; nicht zB zyklische Prozesse in linearer Zeit!). In dieser zyklischen Zeit, die ich in andern Emails als senkrecht auf unserer linearen Zeit stehend beschrieb, etabliert sich für einen winzigen Augenblick zB eine vierdimensionale Raumzeit, wie du sie oben beschrieben hast - und schwupp, ist sie schon wieder im Gebrodel untergegangen. Aber: Von innen gesehen tut sich in diesem Raumzeitkontinuum eine unendlich lange lineare Entwicklungskette auf, zB unsere gesamte Welt vom Urknall bis zum Wärmetod, und von der aus gesehen erscheint das 4-D-Universum statisch.

Zeit ist immer an Prozesse gebunden, also zyklisch (21.5.2003: Atome geben zB Elektronen ab und nehmen sie danach wieder auf. Das geht nur bei zyklischer Betrachtung. Bei linearer Betrachtung müßte ein neues Elektron entstehen, das vom Atom "wieder" aufgenommen würde. Daß die Erde um die sonne kreist, ist nur in einem Universum möglich, in dem es Zyklen gibt. Diese gibt es bei linearer Zeitauffassung genaugenommen nicht!) Wenn du sie als linear betrachtest, ist sie "bloß" eine virtuelle Schöpfung menschlicher Vorstellungskraft!
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P.: > Apropos Determination: Kennst Du eigentlich den Laplace'schen Dämon?

Jo: Hat der nicht etwas damit zu tun, daß Laplace, wenn er Kenntnis aller Atome des Universums hätte, ausrechnen könnte, wie sich das (Uhrwerk-) Universum in Zukunft entwickelt?
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> Ich denke mir (recht pragmatisch) daß der Fehler weniger fatal ist, wenn ich mir eine Freiheit einbilde, die ich vielleicht nicht habe, als wenn ich mir selbst die Freiheit abstreite, obwohl ich sie habe und nur nicht erkenne.

Jo: Das sehe ich genauso.

P.: > Ich denke mir, man soll vor der Naturwissenschaft und ihren Ergebnissen Respekt haben; sie entgegen unseren persönlichen Erfahrungen zum allumfassenden Weltbild zu erheben, wird ihr nicht gerecht, genausowenig wie uns. Wie alles Menschenwerk ist auch die Naturwissenschaft nicht perfekt; aber ist das ein Grund, sie als ganzes abzulehnen.

Jo.: Ich sehe nur, daß durch lange Beschäftigung mit den Naturwissenschaften unser Geist immer funktionaler strukturiert wird, bis wir am Ende wie Maschinen denken. Ich denke, man sollte als Naturwissenschaftler sich dieser Gefahr ständig bewußt sein und um das Überleben der subjektiven Seite kämpfen. Ein Wissenschaftler sollte seiner Seele wegen immer auch Philosophie betreiben UND seine Religiosität entwickeln.
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p.: > Eine prägnante, gut formulierte Frage ist meist viel brisanter als ein weitschweifiger Text. Und zwar deshalb, weil man sie als Ganzes gleichzeitig im Kopf haben kann und weil sie Raum gibt, eigene Vorstellungen mit ihr zu verbinden, von denen ja jeder etwas andere hat. So wird eine Frage sehr viel eher als ein Theoriegebäude der Tatsache gerecht, daß jeder in seiner eigenen kognitiven Welt lebt.

Jo.: Genau!
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P.: > Kann die Wissenschaft in ein Land hineinwachsen, das prinzipiell unerforschlich ist? Oder ist es ihre Aufgabe, die Grenze von Erforschtem zu Unerforschtem zu verschieben.

Jo.: So, wie Straßen in eine Wildnis hinein gebahnt werden. Wo Straßen sind, ist dann zwar keine Wildnis mehr; die ist so nicht zu finden, aber doch war Wildnis nötig, um Straßen hineinbauen zu können.
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P.: > Wenn Du persönliche Erfahrungen mit Fraktalen machen willst, kannst Du im Internet mal suchen, ob Du Dir von irgendwoher das Programm WinFract laden kannst; ich kann auch in der Uni nochmal suchen, wo es das gibt und Dir nochmal schreiben.

Jo.: Ich hatte früher schon mal nach ein Fraktalprogramm besessen, aber es ist mir beim Neuinstallieren verlorengegangen. Ich finde diese Muster einfach fantastisch und werde mal nach WinFract suchen.

bis bald Joachim


08221549 Hallo, Joachim,

> ... Ich hatte früher schon mal nach ein Fraktalprogramm besessen, aber es ist mir beim Neuinstallieren verlorengegangen. Ich finde diese Muster einfach fantastisch und werde mal nach WinFract suchen.

P.: den Rest der Mail beantworte ich später. Vorweg: Ich habe FractInt für Windows gefunden

Man kann eine Datei von http://java.cms.livjm.ac.uk/treefrog/downfrac.htm runterladen. (Achtung: Die Datei ist fast 500M groß, es kann also ein bißchen dauern; also runterladen, wenn die Gebühren nicht so teuer sind). Das ist eine selbst-auspackende Datei. Die muß man dann nur in irgendein (leeres) Verzeichnis schieben und ausführen. Dann packt sich die Datei selbst aus und es gibt in diesem Verzeichnis dann (u.a.) ein Programm namens winfract.exe. Wenn man das ausführt, bekommt man die Möglichkeit, mit den Fractalen rumzuspielen.

Ich mußte noch bei View | Image Settings ... die Auflösung meines Bildschirms angeben (1024x768), damit der ganze Bildschirm ausgefüllt war und nicht nur die obere linke Ecke.

Bei Colors kann man verschiedene Farbpaletten laden und dabei schön beobachten, wie sehr das gleiche Objekt bei anderen Farben anders wirkt - vielleicht eine schöne Metapher für die Erscheinungswelt??

Solltest Du irgendwelche Probleme beim Runterladen, bei der Installation oder der Bedienung haben, melde Dich einfach!

Herzliche Grüße - P


08241417 Hallo, Joachim,

jetzt komme ich dazu, Deine Mail im einzelnen zu beantworten. Vorweg eine Frage: Hast Du es mal mit FractInt probiert?

> Ich habe hier eine andere "Vision". Wir, als multidimensionaleWesen, sind nicht statiasch, sondern unser Geist brodelt in rückgekoppelten Schleifen, in den auch die Zeit in sich selber zurückläuft und sich zur ewigen Gegenwart aufhebt (Ich sehe die Zeit an die echten Prozesse gekoppelt; nicht zB zyklische Prozesse in linearer Zeit!). In dieser zyklischen Zeit, die ich in andern Emails als senkrecht auf unserer linearen Zeit stehend beschrieb, etabliert sich für einen winzigen Augenblick zB eine vierdimensionale Raumzeit, wie du sie oben beschrieben hast - und schwupp, ist sie schon wieder im Gebrodel untergegangen. Aber: Von innen gesehen tut sich in diesem Raumzeitkontinuum eine unendlich lange lineare Entwicklungskette auf, zB unsere gesamte Welt vom Urknall bis zum Wärmetod, und von der aus gesehen, erscheint das 4-D-Universum statisch.

P.: Das ist jetzt eine Hypothese; Frage: Welche Erfahrungen sagen Dir, daß dies eine adäquate(re) Beschreibung ist; genauer: eine Beschreibung, die die Wirklichkeit besser abbildet als die recht einfache Vorstellung einer linearen Zeit.

P.: > > Apropos Determination: Kennst Du eigentlich den Laplace'schen Dämon?

Jo.: > Hat der nicht etwas damit zu tun, daß Laplace, wenn er Kenntnis aller Atome des Universums hätte, ausrechnen könnte, wie sich das (Uhrwerk-) Universum in Zukunft entwickelt?

P.: Genau das ist der. Wenn es ein determiniertes Universum /gäbe/ und so ein Wesen wie den Laplace'schen Dämon, dann würde es für den Dämon keinen Zufall geben. Die Frage ist, ob sich für uns großartig viel ändern würden, die wir ja keine Laplace'schen Dämonen sind. Gäbe es da nicht nach wie vor Sachen, die wir der Einfachheit halber als "zufällige" Ereignisse betrachten würden, vielleicht noch mit bestimmten Eintrittswahrscheinlichkeiten versehen?

Jo.: > Ich sehe nur, daß durch lange Beschäftigung mit den Naturwissenschaften unser Geist immer funktionaler strukturiert wird, bis wir am Ende wie Maschinen denken.

P.: Ich weiß nicht so genau, wie Maschinen denken: ich habe ehrlich gesagt noch keine gesehen, die das so richtig tut. Aber ich ahne, was Du meinst: Nehmen wir ein durchschnittliches Mathematikbuch aus der Uni. Da stehen dann bestimmte mathematische Definitionen und Sätze drin, und wie man die Sätze beweist. Das sieht alles ganz mechanisch aus. Aus dem folgt dann das und daraus folgt nun wieder jenes usw. quod erat demonstrandum.

Aber man darf dieses "a-posteriori-Denken" nicht verwechseln mit dem, wie Naturwissenschaftler und Mathematiker wirklich denken; die Beweise in den Mathematikbüchern sind im besten Sinne des Wortes "Karikaturen". Aus ihnen ist alles rausgenommen (an Intuition usw.), was nicht unbedingt notwendig ist, um die logischen Schlüsse nachzuvollziehen. Aber ich glaube kaum, daß wirklich jemand so denkt. Eine
Naturwissenschaft ohne Intuition und bildliche Vorstellung ist kaum denkbar, davon abgesehen, daß sie auch wohl nicht so furchtbar wünschenswert ist.

Diese Diskrepanz macht manche mathematisch angehauchten Bücher auch sehr schwer verständlich, weil die Beweise zwar richtig sind, aber man nur sehr schwer eine Vorstellung von dem bekommt, was eigentlich dahinter ist. Ich habe das gerade im Wintersemester an einem Buch aus meinem Fachgebiet wieder gesehen, über das ich ein Referat gehalten habe. Ich kannte (durch andere Bücher) die wesentlichen Ideen und konnte in dem Referat dann auch diese Ideen vermitteln (hoffentlich), aber aus den "dürren Formeln" alleine wäre das kaum möglich gewesen. Das ist gerade in der Mathematik ein großes didaktisches Problem.

Und das weitere Problem ist eben, daß für Menschen, die nicht in der Naturwissenschaft drinstecken, von dieser ein sehr seltsames Zerrbild abgegeben wird: Ein Mischmasch aus Perfektion, Unmenschlichkeit,
Kompliziertheit, Praxisferne, Gefühllosigkeit usw.; das erkennen dann die Naturwissenschaftler dann wiederum in den "Karikaturen", die z.B. Künstler (oder Leute, die sich dafür halten) produziert haben.

Es ist doch auffällig: Die Wissenschaftler werden in der Kunst und Unterhaltung meistens entweder als liebenswerte, verschrobene Irre oder als verrückte, menschenverachtende Fanatiker dargestellt.

Die Frage, die sich für mich als Naturwissenschaftler stellt ist die: Wie kann man dieses verbreitete Zerrbild korrigieren? Wie kann man Außenstehenden ein Gefühl dafür vermitteln, daß Wissenschaftler nicht nur wie Menschen aussehen, sondern auch so denken und handeln; daß Intuition und Gefühl nicht nur nach Feierabend ihr Leben bestimmt? Daß wissenschaftliches Arbeiten ein kreativer Prozeß ist und keine
intellektuelle Fließbandarbeit?

Genug davon: Ich habe übrigens mal in die de.sci.biologie Newsgroup reingeschaut: In Eurer Diskussion geht's ja ziemlich heiß her ... :-).

Herzliche Grüße - P


08251235 Hallo Peter,
>
P.: > jetzt komme ich dazu, Deine Mail im einzelnen zu beantworten. Vorweg eine Frage: Hast Du es mal mit FractInt probiert?

Jo.: Noch nicht. Ich hatte letztens eine so hohe Telefonrechnung, daß ich mir Internet-Abstinenz auferlegt habe. Aber wenn die sonnigen Tage vorbei sind, werde ich das Programm mir sicher runterladen.
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Jo.: > > Ich habe hier eine andere "Vision". Wir, als multidimensionale Wesen, sind nicht statisch, sondern unser Geist brodelt in rückgekoppelten Schleifen, in den auch die Zeit in sich selber zurückläuft und sich zur ewigen Gegenwart aufhebt (Ich sehe die Zeit an die echten Prozesse gekoppelt; nicht zB zyklische Prozesse in linearer Zeit!). In dieser zyklischen Zeit, die ich in andern Emails als senkrecht auf unserer linearen Zeit stehend beschrieb, etabliert sich für einen winzigen Augenblick zB eine vierdimensionale Raumzeit, wie du sie oben beschrieben hast - und schwupp, ist sie schon wieder im Gebrodel untergegangen. Aber: Von innen gesehen tut sich in diesem Raumzeitkontinuum eine unendlich lange lineare Entwicklungskette auf, zB unsere gesamte Welt vom Urknall bis zum Wärmetod, und von der aus gesehen, erscheint das 4-D-Universum statisch.
>
P.: > Das ist jetzt eine Hypothese; Frage: Welche Erfahrungen sagen Dir, daß dies eine adäquate(re) Beschreibung ist; genauer: eine Beschreibung, die die Wirklichkeit besser abbildet als die recht einfache Vorstellung einer linearen Zeit.

Jo: Wie soll das funktionieren, daß die Zeit, ohne an materielle oder sonstige Prozesse gebunden zu sein, neben diesen Prozessen herläuft? Einstein koppelte die Zeit an die Wege der Photonen. Ich koppele sie an die Wege aller atomaren, bzw. subatomaren Prozesse. Da diese oft rückgekoppelt, zirkulär, sind, muß auch die Zeit selbst in Schleifen laufen mit der Folge, daß Vergangenheit und Zukunft ihre Bedeutung verlieren. Außerdem weiß ich aus konstruktivistischen Überlegungen, daß die Zeit, die wir wahrnehmen, ein kognitives Produkt ist und der Produzent dieses Produktes, meine Seele, notwendig zeitlos sein muß. Wie kann ich mir Zeitlosigkeit und trotzdem Bewegung vorstellen? - Eben indem ich mir jenes Gebrodel vorstelle, daß Zeit in den phys. Prozessen abläuft.
>
Laplace'schen Dämon?
P.: > Wenn es ein determiniertes Universum /gäbe/ und so ein Wesen wie den Laplace'schen Dämon, dann würde es für den Dämon keinen Zufall geben. Die Frage ist, ob sich für uns großartig viel ändern würden, die wir ja keine Laplace'schen Dämonen sind. Gäbe es da nicht nach wie vor Sachen, die wir der Einfachheit halber als "zufällige" Ereignisse betrachten würden, vielleicht noch mit bestimmten Eintrittswahrscheinlichkeiten versehen?

Jo.: Bei einem deterministischen Universum wären wir keine autonomen Wesen; wir könnten uns keine Gedanken machen über Determinismus oder Indeterminismus. Es gäbe kein Bewußtsein, keine Individuen, keine Unterschiede (weil niemand Unterscheidungen treffen könnte).
>
Jo.: > > Ich sehe nur, daß durch lange Beschäftigung mit den Naturwissenschaften unser Geist immer funktionaler strukturiert wird, bis wir am Ende wie Maschinen denken.
>
P.: > Ich weiß nicht so genau, wie Maschinen denken: ich habe ehrlich gesagt noch keine gesehen, die das so richtig tut. ... Aber man darf dieses "a-posteriori-Denken" nicht verwechseln mit dem, wie Naturwissenschaftler und Mathematiker wirklich denken; ...

Jo.: Natürlich KÖNNEN die meisten Wissenschaftler noch nicht rein wissenschaftlich denken, aber sie können es immer besser und müssen die Rechnung dafür bezahlen. In meiner NG-Diskussion mit Biologen weiß doch nur dieser Thomas Waschke etwas von den Grenzen der Wissenschaft; alle andern (außer mir, hoffentlich) plappern das teilweise sogar nach, können sich jedoch unter dem, wofür die wiss. Methode blind ist, nichts vorstellen. Sie sind in außerwissenschaftlichen Bereichen Totalblinde. Und auch Waschke schreibt schließlich: "Warum ich an die Evolutionstheorie glaube" - Selbstauskunft: Aus Resignation, das Außerwissenschaftliche sich nicht zugänglich machen zu können.
>
In der NG fido.ger.magie versuchte ich es Leuten, die weniger vom Wissenschaftsparadigma geprägt sein könnten, doch auch hier ohne Erfolg. Sie forderten für meine Aussagen zur Magie BEWEISE! Das Methodenparadigma hat hat fast alle Lebensbereiche fest im Griff.

viele Grüße Joachim


08281011 Lieber Peter,
ich lese gerade in Reinhard Zechers Buch "Das Ziel der Einheit" die Kapitel über Schelling und vergleiche dabei Schellings Philosophie mit der meinen. Komisch dabei ist, daß ich ohne meine Philosophie keine Chance hätte, Schelling zu verstehen. Und Viele haben ihn ja nicht verstanden und als Spinner hingestellt, besonders wegen solcher Sätze wie dem von der Identität von Subjekt und Objekt oder der Identität von Freiheit und Notwendigkeit ("freie Notwendigkeit, notwendige Freiheit"), der Einheit der Gegensätze (Absolutes und Bedingtes sind eins) und der Einheit von Form und Inhalt. Mit solchen Äußerungen löst Schelling quasi seine eigene Sprache (die Bedeutung der Begriffe) auf und alles verschwimmt in einem undurchdringlichen Nebel.
Anhand meiner Philosophie jedoch ordnet sich alles ganz klar, da ich klar zwei Existenzebenen unterscheide: die der Seele und die der Erscheinungswelt. Bei Schelling kommt mir alles wie in einer Einheitssoße vermanscht vor.
Wenn ich Schellings Potenzen mit meinen Dimensionen gleichsetze, gehe ich mit ihm insofern konform, daß ich der menschlichen Seele mindestens 1 Dimension mehr zueigne, als dem Körper. Da der Körper 3 Dimensionen hat und in der 4. (Zeit) sich entwickelt, und da dieses Geschehen ein Bild in der Seele ist, muß diese aus mehr als 4 Dimensionen (Potenzen) bestehen. Freiheit und Notwendigkeit sind in diesem Szenarium so aufeinander bezogen, daß ich sage, die Seele ist frei; ihre körperliche Erscheinung in der temporalen Abwicklung ist notwendig. (In meiner letzten Mail schrieb ich ja schon, daß die indeterminierte Seele sich jederzeit einen gesamten determinierten 3-D-Kosmos vom Urknall bis zum Wärmetod vorstellt. Wenn ich nun die abgewickelte Erscheinungswelt mir aufgewickelt vorstelle, ist dieses Knäuel identisch mit der Seele (nach Schelling, da bei ihm die Seele nach meiner Auffasung 4 Dimensionen aufweist)), wonach dann das Absolute und das Bedingte (Inhalt und Form, Subjekt und Objekt) identisch wären in einer "unendlichen Substanz". (Ich denke jedoch, daß die Seele über mehr Dimensionen (Potenzen) verfügt, als Schelling scheibt). Da Schelling seine "unendliche Substanz" (das mit einem eindimensionalen Faden aufgewickelte Knäuel) gleichsetzt (identifiziert) mit einer dreidimensionalen Kugel, also Kugel und Knäuel gleichsetzt, spricht er vom "Subjekt/Objekt" - worunter sich ohne meine Philosophie wohl kaum jemand etwas Richtiges vorstellen kann.
"Meine" Philosophie sage ich nicht, weil ich auf sie ein Copyright beanspruche, sondern weil sie das ist, was ich glaube - was ich gefunden habe.

bis bald joachim


08301736 KURZGESCHICHTE

Yatima hatte zwei Probleme:

Am Tage war er gefangen in der Welt der Alltagserfahrung, der Wachwelt: Sein Ich spürte nur den materiellen Körper, sah die materielle Welt, dachte mit Begriffen, die der Welt entlehnt waren. Er fand keinen Ausweg aus der trostlosen Einöde aus toten Atomen.

Des Nachts in seinen Träumen war alles ganz anders: Hier war er unendlich frei; er manipulierte nicht nur die bestehenden Traumwelten, sondern erschuf in jeder Nacht Dutzende neue hinzu. In seiner momentan bevorzugten Welt, die er Yakmos genannt hatte, besaß er ein kleines unterirdisches alchimistisches Labor, in welchem er seine Experimente für die Wachwelt vorbereiten wollte. Jedes Experiment gelang. Die Materie dieser Welt bot seinem Geist keinerlei Widerstand, mit der fatalen Konsequenz: Er konnte nichts, aber auch gar nichts von den Ergebnissen der hiesigen Experimente für die Wachwelt gebrauchen.

Die beiden Probleme ließen sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Wie bekomme ich wenigstens ein Zipfelchen meiner Traumfreiheit in die Wachwelt hinein?

2. Wie bekomme ich wenigstens ein Zipfelchen Festigkeit der Wachwelt in meine Traumwelten hinein?

Wieder einmal saß er auf der stillen Bank im Wald und grübelte über diese Probleme. Er hatte beide Sphären gründlich erforscht und war sich völlig im Klaren darüber, daß die materielle Substanz beider (Welt und Traum) identisch war. Warum aber benahm die Materie der Wachwelt sich so widerspenstig und warum bot die Materie seiner Träumen keinerlei Halt? Schließlich waren beide Welten Produkte seiner Seele: Projektionen, Vorstellungen, Erscheinungen oder welche Begriffe man nehmen wollte. Yatima hatte sich erkannt als vollkommen eingeschlossen in seine subjektiven Projektionen, und das galt für beide Sphären. Warum aber konnte er seine Traumwelten so leicht steuern und die sogenannte Wachwelt, die Erde, fast nicht?

Eine Möglichkeit wäre die, daß seine Seele in ein Meer aus anderen, zum Teil größeren Seelen, die er nicht kontrollierte, eingebettet war und mit ihnen die Erde in einer Art Gemeinschaftstraum träumte. Der Widerstand der Welt würde dadurch entstehen, daß alle anderen Seelen mit der gemeinsamen Materie andere Pläne hatten, als er, sodaß diese ihm nicht oder nur wenig gehorchte.

Ganz anders die Traumwelten: In ihnen war er die einzige Seele, und er besaß die unumschränkte Macht über die Materie. Yatima erkannte, daß er ein Mittler war, der zwischen einer größeren Außenwelt und vielen kleinen Innenwelten stand. Wieder drängte sich die Frage auf, wie er Substanz aus einer Traumwelt in die reale Welt und umgekehrt, transportieren könnte.

Er erinnerte sich an ein Gespräch mit einer "schizophrenen" Frau, die angeblich von "Außerirdischen" und anderen seltsamen Wesen besucht wurde. Yatima hatte sie eindringlich gefragt, ob sie überprüft habe, daß diese Wesen aus fester Materie bestehen und sie hatte geantwortet: "Ja ja, sie sind richtig materiell vorhanden; ich kann sie anfassen; sie können mich stoßen!" Weitere Befragungen hatten ergeben, daß diese Wesen trotz ihrer subjektiven Wirklichkeit (andere Menschen konnten diese Wesen trotz ihrer Festigkeit nicht sehen) Schöpfungen der Frau waren: "Es ist ein Engel dabei, so schön, wie ich ihn mir erträumte, und nie will ich ihn verlieren, auch nicht um den Preis, verrückt bleiben zu müssen. Ich liebe diese Wesen. Sie sind in gewisser Weise meine Kinder. Wenn ich Medikamente bekomme, sehe ich sie nur noch wie durch Watte; manchaml verschwinden sie auch ganz, und dann werde ich ganz traurig, denn dann bin ich allein in einer kalten Welt."

Früher, als Yatima noch wie normale Menschen geträumt hatte, hatten seine Traumwelten noch mehr Festigkeit, als die heutigen. Allerdings konnte er damals das Traumgeschehen nicht steuern, weil er sich nie der Tatsache des Träumens bewußt war. Im Ringen um Herrschaft über seine Träume erlernte er schließlich das Klarträumen, eine phantastische Sache! Er erschuf sich ein Raumschiff, mit dem er das Universum erforschte. Er erlebte alles real, bis ihm aufging, daß er keine wirklichen Abenteuer erleben konnte, nur selbsterdachte Phantasien. Auf diese Weise ernüchtert, saß er nun hier auf dieser einsamen Bank im Walde.

"Ich lebe hier in dieser Wachwelt wie ein Träumer, der nicht weiß, daß er träumt", ging ihm durch den Kopf.

"Ich will aufwachen!" sagte zu im Stillen zu sich selbst.

"Das ist es! Ich muß aufwachen!" rief er nun in den Wald hinein, stand auf und setzte den Spaziergang fort.

"Wenn ich wirklich wach wäre, müßte ich erkennen, daß auch diese Welt von mir geträumt wäre - und daß die anderen Seelen nicht wirklich von mir getrennt wären. Wir sind nur zum Schein getrennt aufgrund unserer illusorischen, falschen Ichs, den Egos. Wenn ich mein Ego teilweise, bzw. kontrolliert auflösen könnte, dann könnte ich Vorstellungen und Wünsche meines Egos mit Hilfe der Mittlerfunktion meiner Egolosigkeit von einer Traumwelt in die reale Welt und umgekehrt transformieren.

Zuvor muß ich jedoch noch klären, was genau ich unter "Aufwachen" verstehe. Ich bin ohne Zweifel wacher, als ein Kind oder ein Hund. Worin unterscheide ich mich von diesen? Sicher nicht dadurch, daß meine Sinnesorgane besser funktionieren! Ich sehe nicht mehr und nicht besser, als ein Kind. Aber ich interpretiere mehr in das Gesehene hinein. Ein Säugling sieht diese rote Tasse wahrscheinliuch genauso gut wie ich, aber ich weiß, daß sie aus Plastik besteht und man daraus trinken kann; ich weiß, wozu der Henkel an ihr befestigt ist.

Was zeichnen all solche Interpretationen aus? Es sind Bedeutungen. Der Schläfer beginnt also mit der reinen empirischen Wahrnehmung, und wenn er nach und nach aufwacht, gesellen sich Bedeutungen hinzu.

Von der Tasse ausgehend können noch wesentlich mehr, als die genannten Bedeutungen hinzukommen, zB die, warum es Kaffetrinker gibt, die Plastiktassen den Porzellantassen bevorzugen, warum genau diese Tasse vom Kaffeetrinker in dieser und jener Situation benutzt wird und dergleichen.

Wie hängen die beiden Kriterien für Wachheit - mehr interpretieren können, weniger egoistisch sein - zusammen?

Nun, ein Egoist schaut nicht in den Andern hinein; er sieht nur sich selbst; ein Deuter fühlt sich in den Andern hinein; er verbindet sich mit ihm, was dasselbe ist, wie die Aufgabe des Egoismus'.

Also bedeutet Wachwerden ein Sich-verbinden mit anderen Seelen oder ganz einfach ein Wachsen der eigenen Seele durch Aneignung fremder Deutungen." (21.5.2003: " Das wäre Veschmelzung. Zum Wachwerden gehört die Realisation der Paradoxie, mit den Andern zu verschmelzen, ohne das Ich zu verlieren. Ich nenne die Realisation dieser Paradixie "Transzendierung des Egos": Es verschwindet nicht, wird jedoch durchsichtig.)

Yatima fand in sich das Verlangen, seine Deutefähigkeit zu üben. Er besuchte Restaurants, öffentliche Plätze, Jahrmärkte und dergleichen und studierte dort die herumlaufenden Menschen hinsichtlich der Fragen: Warum sind sie hier? Was wollen sie? Was bedeutet ihr Aussehen, ihre Physiognomie?

Anfangs mußte er mit den Menschen noch Gespräche führen, um zu überprüfen, ob seine Deutungen stimmten; später war das nur noch in Ausnahmefällen nötig. Yatima entwickelte eine unglaubliche Sicherheit im Deuten menschlichen Verhaltens und Aussehens.

Doch es gab nicht nur Einzelmenschen zu deuten; auch Menschengruppen ließen Interpretationen zu: Er legte sein Augenmerk auf die Beobachtung von Familien, Geburtstagsfeiern, Studentenzirkeln, Schachvereinen und Dorfgemeinschaften und sehr bald sah er auch hier zwischenmenschliche Beziehungen, Strukturen, die Eigendynamik besaßen, als würden in Gruppen intersubjektiv autonome Gruppengeister entstehen, die wiederum auf ihre Schöpfer wirken konnten. Am deutlichsten erlebte Yatima die Erschaffung eines Gruppengeistes in einer freikirchlichen Pfingstgemeinde. Hier wurde vom Prieser ganz gezielt ein Gruppengeist "Göttlicher Jesus" geschaffen. Viel hatte diese Kreatur nicht mit dem biblischen Jesus gemein, aber spielte das eine Rolle? Auch der biblische Jesus war für jeden Menschen einschließlich Yatima bloß eine Interpretation.

Bereits in diesem Stadium - oder war es, als Yatima Staaten und Landschaften zu interpretieren begann und auch dort große Gruppengeister entdeckte - kippte Yatimas Weltsicht plötzlich radikal um: Nichts erklärte sich ihm mehr als toter Mechanismus! Alles war plötzlich für ihn Ausdruck von Willen. Bei einem Flugzeugabsturz, von dem er im Fernsehen erfuhr, fragte er nicht mehr nach der mechanischen Ursache (ein Metallstück auf der Fahrbahn, das einen vorderen Reifen zum Platzen brachte, dessen Bruchstücke ein Leck in den Tank schlugen, der sich dann entzündete und beide Triebwerke auf einer Seite des Flugzeugs lahmlegte und die Maschine zum Absturz brachte, woraufhin sämtliche Passagiere verbrannten), sondern nach dem Willen, der dahintersteckte: der titanische Wille, wie Yatima ihn nannte, denn dessen erstes ihm bekanntes Opfer war die Titanic. Titan: Der Name des Geistes, der aus dem übersteigerten Glauben an die technische Machbarkeit emporwuchs, und der nun leben will, leben, indem er durch die Lande streift und willige Opfer sucht. Titan - ein junger Gott, der viele Anbeter hat in den modernen Zeiten.

Letztens schrieb ein Freund aus Indien an Yatima, daß die Kette von Börsencrashs sein geliebtes Land niemals würde erreichen können. "Hier gibt es keine Großsysteme, die zusammenbrechen könnten. Hier ist genügend Chaos, das sämtliche Katastrophen abprallen läßt. Hier gibt es nur Einzelschicksale wie eh und jeh."

- Verlorenes Land für die Titanen! So sah es Yatima.

Und mit diesem Blick betrachtete er sich selbst, und er sah nicht mehr seinen Leib, sein Wissen, seine Vergangenheit - also das, was andere Menschen an ihm erkennen können, sondern er sah sich als gesammelten Willen, als verkörperte Theorie seiner selbst.


08311525 Hallo, Joachim,

vielen Dank für Deine Mail. Das ist sehr schön geschrieben.

Interessanterweise hast Du mit der Form, die Du gewählt hast, genau einen Gedanken getroffen, den mir selbst auch schon (etwa vor einer Woche) gehabt hatte:

Beim Nachdenken über unsere gemeinsame Diskussion hatte ich nämlich die folgende Idee: Wissenschaft ist (und da sind wir uns ja wohl auch einig) nur ein Teil des menschlichen Lebens (für den Wissenschaftler ein nicht unbedeutender, aber auch in der Regel nicht all-umfassender). Ein weiterer Teil im geistigen Leben der meisten Menschen ist die Kunst. Auch das sich-Beschäftigen mit Kunst ist ja - zweifelsohne - ein geistiger Prozeß, der sich aber in der Regel deutlich vom Betreiben von Wissenschaft unterscheidet; wenn Du so willst, ist sie ein anderes Paradigmensystem (wobei ich fast finde, dieser Ausdruck wird ihr irgendwie doch nicht so richtig gerecht). Auch die Kunst lebt von Ideen, läßt dabei aber der Phantasie freieren Raum. Viele Naturwissenschaftler, die ich kenne, lieben die Kunst, wahrscheinlich gerade auch deshalb, weil sie in gewisser Weise einen Ausgleich zur Methodik der Wissenschaft darstellt.

Manche Ideen lassen sich in einem wissenschaflichen Umfeld leichter vermitteln, als in einem künstlerischem. Ich halte es für schwierig, die Schrödingergleichung z.B. in einer Fabel zu erzählen; sie ist in der nüchternen Welt der Naturwissenschaften einfach besser aufgehoben. Andere Ideen, wie zum Beispiel Michael Endes Vorstellungen von Phantasie sind in einem künstlerischem Umfeld besser aufgehoben; das Ergebnis war sein wirklich phantastisches Buch "Die unendliche Geschichte", das Du ja mit Sicherheit kennst (falls nicht: sofort kaufen!!!). Ich kenne einige "hartgesottene" Naturwissenschaftler, mit denen ich mich schon stundenlang über dieses Buch unterhalten habe; die Ideen des Buches haben die Menschen als Ganzes erreicht.

Ausgehend von diesen Überlegungen habe ich mich dann gefragt, ob ein Zugang zu Deinem Mythos eher über den Weg einer "wissenschaftlichen Theorie" oder nicht vielmehr doch über das so viel vielfältigere und freiere Feld der Kunst zugänglich ist. Denn während die (Natur-)wissenschaft immer nach Beweisen oder Nachweisen fragt, hat die Kunst die Möglichkeit, Dinge im Raum stehen zu lassen und auf die Menschen wirken zu lassen. So sind viele Ideen von Stanislaw Lem bestimmt nicht naturwissenschaftlich haltbar, wirken aber gerade für Naturwissenschaftler enorm inspirierend, vielleicht eben genau deshalb, weil sie keinen naturwissenschaftlichen /Anspruch/ erheben, aber nichtsdestoweniger /anspruchsvoll/ sind. Gerade weil Lem nie behauptet, die Dinge wären so, wie er sie beschreibt, fällt es dem Naturwissenschaftler leichter, sich auf sie einzulassen, sie vorläufig als reines Gedankenexperiment hinzunehmen. So finden sie Eingang in sein Denken.

Meine Frage also wäre die: Ließe sich Dein Mythos als eine Sammlung von Einzelmythen und Geschichten darstellen? Und - was mindestens genauso wichtig ist - würdest Du das wollen? Oder würdest Du Dich in der Rolle des Künstlers nicht wohlfühlen?

Ich freue mich auf eine Antwort von Dir!

Herzliche Grüße - P


10041614 Hallo P,

nach etwas längerer Zeit der Unterbrechung möchte ich nun gern unsere Unterhaltung weiterführen. Ich war in letzter Zeit etwas auf Reisen, habe viele Freunde besucht, war mit meiner HP uns so vielem Andern beschäftigt, sodaß unsere Diskussion etws zu kurz kam. Doch nun medias in res!

P: Interessanterweise hast Du mit der Form, die Du gewählt hast, genau einen Gedanken getroffen, den mir selbst auch schon (etwa vor einer Woche) gehabt hatte:

P: Beim Nachdenken über unsere gemeinsame Diskussion hatte ich nämlich die folgende Idee: Wissenschaft ist (und da sind wir uns ja wohl auch einig) nur ein Teil des menschlichen Lebens (für den Wissenschaftler ein nicht unbedeutender, aber auch in der Regel nicht all-umfassender). Ein weiterer Teil im geistigen Leben der meisten Menschen ist die Kunst. Auch das sich-Beschäftigen mit Kunst ist ja - zweifelsohne - ein geistiger Prozeß, der sich aber in der Regel deutlich vom Betreiben von Wissenschaft unterscheidet; wenn Du so willst, ist sie ein anderes Paradigmensystem (wobei ich fast finde, dieser Ausdruck wird ihr irgendwie doch nicht so richtig gerecht). Auch die Kunst lebt von Ideen, läßt dabei aber der Phantasie freieren Raum. Viele Naturwissenschaftler, die ich kenne, lieben die Kunst, wahrscheinlich gerade auch deshalb, weil sie in gewisser Weise einen Ausgleich zur Methodik der Wissenschaft darstellt.

Jo: Für mich ist die Kunst leider zu einer Industrie verkommen, in der jeder Künstler nicht mehr seine Wahrheit sucht zu realisieren, sondern sein Ego durchzusetzen. Jeder sucht nur noch das, was noch keiner vor ihm gemacht hat, sucht nicht mehr nach Vollkommenheit. Letztens las ich im SPIEGEL einen
Beitrag, in dem ein "Künstler" Faulendes in Bilderrahmen oder sonstwo hinschmierte, zB schimmelnde Früchte arrangierte, bis der Schleim unten aus dem Flechtkorb lief. Solche Arrangemente verkaufte er erfolgreich als Kunst, WEIL so'n Scheiß (im wahrsten Sinne des Wortes) noch kein Andere vor ihm gemacht hat. (21.5.: Wahre Künstler orientieren sich nicht am andern, sondern erschaffen sich selbst!)

P: Manche Ideen lassen sich in einem wissenschaflichen Umfeld leichter vermitteln, als in einem künstlerischem. Ich halte es für schwierig, die Schrödingergleichung z.B. in einer Fabel zu erzählen;

Jo: Alle guten Geschichten über Magie handeln in Makro-Quantenwelten....

P.: sie ist in der nüchternen Welt der Naturwissenschaften einfach besser aufgehoben. Andere Ideen, wie zum Beispiel Michael Endes Vorstellungen von Phantasie sind in einem künstlerischem Umfeld besser aufgehoben; das Ergebnis war sein wirklich phantastisches Buch "Die unendliche Geschichte", das Du ja mit Sicherheit kennst (falls nicht: sofort kaufen!!!). Ich kenne einige "hartgesottene" Naturwissenschaftler, mit denen ich mich schon stundenlang über dieses Buch unterhalten habe; die Ideen des Buches haben die Menschen als Ganzes erreicht.

Jo: Ich war ebenfalls von diesem Buch begeistert. Michael Ende war übrigens Mitglied eines magischen Ordens und verstand sich auf Magie.

P: Ausgehend von diesen Überlegungen habe ich mich dann gefragt, ob ein Zugang zu Deinem Mythos eher über den Weg einer "wissenschaftlichen Theorie" oder nicht vielmehr doch über das so viel vielfältigere und freiere Feld der Kunst zugänglich ist.

Jo: Ich denke, beides ist nötig.

P: Denn während die (Natur-)wissenschaft immer nach Beweisen oder Nachweisen fragt, hat die Kunst die Möglichkeit, Dinge im Raum stehen zu lassen und auf die Menschen wirken zu lassen. So sind viele Ideen von Stanislaw Lem bestimmt nicht naturwissenschaftlich haltbar, wirken aber gerade für Naturwissenschaftler enorm inspirierend, vielleicht eben genau deshalb, weil sie keinen naturwissenschaftlichen /Anspruch/ erheben, aber nichtsdestoweniger /anspruchsvoll/ sind. Gerade weil Lem nie behauptet, die Dinge wären so, wie er sie beschreibt, fällt es dem Naturwissenschaftler leichter, sich auf sie einzulassen, sie vorläufig als reines Gedankenexperiment hinzunehmen. So finden sie Eingang in sein Denken.

Jo: Lem kennt nun mal die Türen in andere Geister. Man erhält da Einlaß, wo der Andere unbewußt, bzw. schwach, ist. Kommt man Wissenschaftlern mit Romanen, mogelt man sich an ihrer rationalen Kontrollinstanz vorbei in ihre Seelen und kann dort unerkannt wirken....

P: Meine Frage also wäre die: Ließe sich Dein Mythos als eine Sammlung von Einzelmythen und Geschichten darstellen? Und - was mindestens genauso wichtig ist - würdest Du das wollen? Oder würdest Du Dich in der Rolle des Künstlers nicht wohlfühlen?

Jo: Genau so mache ich es. Viele Einzelmythen (-geschichten) ergänzen sich zu einem riesigen "Epos": meiner verzauberten Welt, von der die wissenschaftliche eine kleine Insel ist. Meine Magie bezeichne ich manchmal auch als die KUNST.

Jo: Gestern besuchte ich mit einem Freund, der von mir wissen wollte, was ich unter Magie verstehe, ein Gartenlokal. Wir hatten beide einen Riesenhunger und bestellten Getränke und Essen. Chris bekam einen riesigen Salatteller und ich nur eine winzige Kartoffelsuppe, die kaum für den hohlen Zahn reichte! Chris: "Für 'nen größeren Teller hat deine Magie wohl nicht gereicht!" - Eine halbe Stunde später: "Ich schaff meinen Salat nicht! Willst du den Rest?" Ich: "Gern! Danke!" Ich aß und wurde proppensatt - für halb so viel Geld wie Chris, und ich sagte: "Für soooooo viel hat meine Magie gereicht!" ...

Jo: Wäre ich bei herkömmlicher Deutung geblieben, hätte ich unabhängig vom Geschehen weniger für mein Geld bekommen, als Chris. Da ich magisch denke, stellte ich fest, daß ich tatsächlich mehr fürs Geld erhielt...

herzliche Grüße dein jo

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