Hans-Joachim Heyer

Steins Gerechtigkeit

Es begab sich am 12. April 1987, dass Hans Stein, verurteilt zu lebenslanger Haft, im Gefängnis zu Mainz einsaß und über die Gerechtigkeit nachdachte. „Ich bin unschuldig!“ sagte er, „und ich muß büßen für das Verbrechen eines Andern!“

Unruhig und von Selbstvorwürfen geplagt, wälzte er sich auf seinem Bett. Obgleich es schon sehr spät war und er sich nach Erholung sehnte, konnte er keinen Schlaf finden. Nicht die Enge der Zelle, nicht die Einsamkeit, nicht die rüde Behandlung durch die Mitgefangenen, auch nicht das offensichtliche Unrecht, das man ihm antat, war ihm die größte Pein, nein, es war die Schlaflosigkeit, die ihm am schlimmsten quälte, und die endlosen, unfruchtbaren Grübeleien.

„Warum hatte ich gelogen? Warum mich in ein Netz von Widersprüchen verwickelt? Warum diese bodenlose Dummheit? Warum, warum? Hätte ich die Wahrheit gesagt, wäre mir nichts geschehen! War es Eitelkeit? Ein unbewußter Drang zu Selbstzerstörung? Übermut? Feigheit?“ – Hans Stein fand keine Antworten. Er würde wohl nie Antworten finden. Alle Gedanken wiederholten sich endlos und würden nicht einmal vom Schlaf, wenn es denn einer war, unterbrochen. Aber irgendwann rissen doch – endlich! – die Gedankenfäden.

*

Ein lautes Gelächter. Hans schreckte auf. In einer Nachbarzelle schrie jemand. Er hatte geträumt und das Schreien als Gelächter gehört. Wieder dieser Traum – wie fast jede Nacht. Denn wenn er mal für ein paar Stunden Schlaf fand, hatte er stets den gleichen Traum. Er kannte die Bilder schon auswendig. Nicht nur sein äußeres Leben war arm geworden, auch sein Inneres.

Wieder und wieder seine Gerichtsverhandlung, das vorwurfsvolle, unverständliche Gerede des Richters, und das Gelächter der Zuschauer. Aber hatte er diesmal nicht ebenfalls gelacht? War das Lachen, von dem er erwachte, nicht sein eigenes gewesen? Mit dem Nachsinnen über den Traum kehrten auch die Einzelheiten wieder zurück. Es fiel ihm schwer, denn allzu sehr ähnelten dessen Bilder denen der 1000 vorangegangenen Träume. Dieser war anders! Die gleichen Bilder zwar, aber die Worte! – Er hatte die Worte verstanden, und es gelang ihm, sie wieder ins Gedächtnis zu rufen.

„Hans Stein, Sie haben keinen Raum!“ sagte der Richter. „Nicht einmal einen Raum können Sie sich schaffen. Sie haben sich verloren im Unendlichen. Sie lernten nichts und können nichts, aber nennen sich Künstler. Wissen lehnen Sie als Hemmnis der Phantasie ab, und das Handwerk bezeichnen Sie als Fließbandarbeit. Sie beraubten sich der Bausteine Ihres Geistes. Ihre Kunstwerke bestehen aus nichts, und Sie selbst sind nichts! Sie konnten sich selbst keinen Raum schaffen, also schaffe ich Ihnen einen!

Es ergeht im Namen der Gerechtigkeit folgendes Urteil: Der Angeklagte ist unschuldig und wird zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe zur Bewährung verurteilt!“

Noch während der Richter sprach, schaute Hans Stein sich irritiert um: Alle Anwesenden schienen mit größter Mühe ein Gelächter zu unterdrücken. Auch der Richter konnte am Schluß nur mit Mühe sein Lachen unterdrücken.

Jetzt verstand Hans überhaupt nichts mehr, fand sich verängstigt und schweißgebadet in einer Ecke der Anklagebank kauernd wieder und kämpfte gegen den drohenden Wahnsinn an. Um Hilfe flehend, schaute er dem Richter in die Augen. Dieser antwortete mit einem auffordernden Blick, als wollte er zurufen: „Hans, begreif doch! Begreif doch endlich!“

Als Hans das Gesicht des Richters studierte, änderte dieses seinen Ausdruck: Es zeigte nicht mehr den strafenden Feind, sondern den mitleidenden Freund! Und plötzlich stand die Auflösung des widersprüchlichen Urteils vor ihm; zwar noch diffus und ungreifbar, – ein Gefühl, das jetzt nur noch nach passenden Worten suchen brauchte, um deutlich bewußt zu werden.

Als ihm dies klar wurde, vermochte er nicht mehr an sich zu halten. Die Leute schienen die Wandlung zu bemerken und begannen hemmungslos zu lachen, und Hans‘ Seele tauchte hinein in die Masse, ging unter im Rausch noch tiefer und schwappte wieder hoch; Hans hörte sich kreischen im überschäumenden Glück und dann wachte er auf.

*

Ihn überraschte die Stille, die seine Seele so plötzlich geschaffen hatte. Eine paradiesische Stille. Fort die Last der Gedanken.

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