Hans-Joachim Heyer

Wilhelm Hennis: Max Webers Wissenschaft vom Menschen

Johannes Gutenberg – Universität Mainz Institut für Soziologie
Wintersemester 1998/99
Übung: Max Webers Sozialtheorie
Leiter: Prof. Dr. Manfred Hennen
Thema: Wertfreiheit. Interessen und Ideale. Hennis: Max Webers Wissenschaft vom Menschen, S. 152 – 222
Referent: Hans – Joachim Heyer, 1.2.1999
2.12.2004

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Wilhelm Hennis: Max Webers Wissenschaft vom Menschen, S. 152 – 222

Wertfreiheit, Interessen und Ideale

1. Der Sinn der Wertfreiheit

„Max Webers ausführlichste Darlegung des Wertfreiheitspostulats findet sich im »Logos« von 1917 unter dem Titel »Der Sinn der >Wertfreiheit< der ökonomischen und sozialen Wissenschaften<<. Er beginnt mit diesem Satz: »Unter Wertungen sollen nachstehend >praktische< Bewertungen einer durch unser Handeln beeinflußbaren Erscheinung als verwerflich oder billigenswert verstanden sein.«“ 1
Obwohl Weber in seinen Schriften, die immerhin einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, wie oben ersichtlich, das Werten sehr hoch einstuft, schreibt er, daß „wo immer der Mann der Wissenschaft mit seinem eigenen Werturteil kommt, das volle Verstehen der Tatsachen aufhört.“ 2

Liegt zwischen diesen beiden Zitaten ein Widerspruch? Dieser Frage soll nachgegangen werden Offensichtlich ist vielen Soziologen hier kein Widerspruch aufgefallen. Wenn sie äußern, „Webers Forderung führe zu Indifferentismus und Wertnihilismus, sein Wissenschaftsbegriff erweise sich als rein technischer“, 3 zeigen sie ihre einseitige Sicht von Webers Postulat sehr deutlich.

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1 Wilhelm Hennis: Max Webers Wissenschaft vom Menschen. Tübingen, 1996, S. 152
2 ebd., S 152
3 ebd., S. 153

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Auch Talcott Parsons sagte an zentraler Stelle eines Vortrags: »Der Begriff der Wertfreiheit kann als grundlegend für Webers methodologische Position angesehen werden.« 4

Hennis schreibt, daß die Wertfreiheit für Weber mehr als Methode war: „nicht eine im Prinzip belanglose »Empirie«, sondern die Wirklichkeit, in die wir »hineingestellt« sind, in ihrem So-und-nicht-anders-Gewordensein, also dem »Schicksal«, das diese Wirklichkeit uns bereitet“. Aber Wertfreiheit sollte auch frei sein von Traditionen, den Optimismen moderner Ideen und auf „Distanz … gegenüber allen Illusionen und Wünschbarkeiten der Zeit“ 5 sein. Sie war also mehr eine Maxime zur Bewahrung eines klaren Kopfes, zur Sicherung der Unbefangenheit des Wissenschaftlers, als »methodologische Grundlage« für eine Fachwissenschaft. In einem Referat schrieb Weber einmal, das Hineinmengen eines Seinsollens in wissenschaftliche Fragen sei eine Sache des Teufels. 6

Ist Webers scharfe Trennung von Empirie und Wert keine Methode? Ich glaube, sein Wertfreiheitspostulat kann nur dann nicht als Methode gelten, wenn man sich von ihr nicht leiten läßt, sondern sich ihrer bewußt bedient. Wer von methodischem Denken geleitet wird, kann nicht über dieses hinaus. Der Begriff „Methode“ gehört zum Wortschatz der empirischen Wissenschaft, der Begriff „Wert“ oder „Urteil“ nicht. Wenn Weber nun Wissenschaft betreibt, um danach zu Urteilen und Bewertungen zu kommen, liegen seine Absichten außerhalb derselben. Methode ist für Weber kein Selbstzweck, sondern ein Mittel für außermethodische Zwecke. Insofern ist Webers Erkenntnisgewinnung nicht methodisch, sondern Methoden benutzend.

Bestätigt wird meine Interpretation bei der Diskussion des Begriffs „Produktivität“, den Weber ablehnt, weil er einen impliziten Wertkonflikt ignoriert. „Produktivität“ rechnet sich immer an außermethodischen, außerwissenschaftlichen Wertmaßstäben. „Die Wertungsfreiheit der Wissenschaft ist eine Voraussetzung für die Möglichkeit von Wertdiskussionen.“ 7

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4 Hennis:: M. Webers Wissenschaft vom Menschen (WvM). S 153
5 ebd., S. 154
6 vgl. Hennis: (WvM), S. 156
7 ebd., S. 161

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Die Herrschaft der Methode macht blind; die Herrschaft über sie sehend. Der bewußte Beobachter soll externe Strukturen aufdecken und soll keine Strukturen in die Welt hineinlegen.
In „Soziologische Grundbegriffe“ schreibt Weber, daß seine „Methode der »verstehenden Soziologie« rationalistisch“ sei aus gewissen Zweckmäßigkeitsgründen, aber sie dürfe „nicht etwa zu dem Glauben an die tatsächliche Vorherrschaft des Rationalen über das Leben umgedeutet werden.“ 8

2. Webers Motive für das Wertfreiheitspostulat

# Schon der ganz junge Weber hatte ein rigoroses Verständnis der Aufgaben des »akademischen« Lehrers. Jener hat völlig andere Aufgaben, als z.B. ein Politiker. Diese Rollen müssen scharf voneinander geschieden werden.
# Webers Auffassung, er selbst erfülle einmal eine institutionelle Funktion und daneben seine persönliche Haltung.
# Abgrenzung zur älteren Generation, die ihm allzu distanzlos angepaßt erschien.
# Die Suche nach Klarheit und Nüchternheit, um (vor)-urteilsfrei die Wirklichkeit zu erfassen

(1) Webers Suche nach nüchterner, unverklärter Einsicht in die Welt, in die er hineingestellt war, geht einher mit der Suche nach dem klaren Begriff für eine klare Sprache. Er arbeitet mit Begriffsdefinitionen, Abgrenzungen und Entgegensetzungen. Mit Hilfe eines ausdifferenzierten Vokabulars sollen dann die wirklichen Probleme in die Anschauung gebracht und die praktischen Fragen richtig gestellt werden. Das Ergebnis soll eine „volle Nüchternheit des Urteils sein. … Enttäuschung wird zur akademischen Aufgabe erhoben.“ 9

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8 Max Weber: Soziologische Grundbegriffe. Tübingen 1984, S. 22
9 Hennis: WvM. S. 166

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(2) „Die Voraussetzungslosigkeit der Lehre an deutschen Universitäten ist für ihn (Weber) ein Problem. In Deutschland hatten sich die Universitäten von der Aufsicht der Kirche befreit, wurden aber Kostgänger des Staates. Auf einer USA-Reise erlebte Weber sektengebundene Colleges und in den Niederlanden eine calvinistische Universität Weber lehnt den „Gesinnungsunterricht“ 10 ab.

(3) Webers Konflikt mit der älteren Generation: „Für sie (die Alten) war wissenschaftlich erledigt, wer ihre ethischen Urteile nicht teilen konnte. Und wie ihre ethischen Urteile` entstanden, beschreibt Weber am Beispiel Schmollers: „Selbst eine Persönlichkeit vom Eigengewicht Schmollers habe in seiner Tätigkeit als Berater staatlicher Stellen »wesentlich die Fähigkeit entwickelt, stets rechtzeitig zu wissen, was die Ministerien jeweils vertreten zu sehen wünschten, um dies als Ergebnis der Wissenschaft zu verkünden.« 11 Vor solchem Hintergrund wird Webers Pathos seines »Postulats« verständlich.

(4) Über den Sinn der Wertfreiheit: In welchem Sinne sie >keine< Antwort gibt, und ob sie stattdessen nicht doch vielleicht dem, der die richtigen Fragen stellt, etwas leisten könne »Auch wenn die Wissenschaft niemandem sagen könne, woraufhin er sein Leben orientieren solle, so könne sie ihm doch helfen, »sich Rechenschaft zu geben über den letzten Sinn seines eigenen Tuns«. 12

3. Umrisse zu einer »intellektuellen Biographie« Max Webers

„Für die »prominenteste« deutsche Soziologie der Gegenwart ist Weber ohne Bedeutung“ 13, schreibt Wilhelm Hennis. Daß diese Bedeutungslosigkeit nicht gerechtfertigt ist, daß Webers „Fragen etwas mit dem Sinn, den wir unserem eigenen Leben geben könnten“, 14 zu tun haben, will Hennis nachweisen und dazu zur näheren Beschäftigung mit Weber anregen, indem er für spätere Autoren Anregungen zum Verfassen einer intellektuellen Biographie Webers gibt. Die ersten Umrisse dazu zeichnet Hennis im letzten Kapitel seines Buches.

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10 Hennis WvM., S. 168
11 ebd., S. 169
12 ebd., S. 171
13 ebd., S. 175
14 Hennis WvM., S. 177

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Er führt aus, wie bewußt der junge Weber seine eigene geistige Entwicklung betreibt; gezielt schult er seinen Intellekt, informiert sich, exerpiert sorgfältig aus Büchern, „stapelt Wissen“ auf, um es dann verstehend und beurteilend zur Formung seiner Persönlichkeit heranzuziehen. Beinahe systematisch betreibt er seine „Ausbildung des Gemüts“. 15 Hennis zeigt, wie fern heutigen Generationen Webers „Gemütswelt“ geworden ist. Jene „Gemütsqualitäten, ein Rest von religiöser Bestimmtheit … (haben) in der Welt der heutigen Universitäten jeden Ort verloren“. 16

Weber hat darum gerungen, einen eigenen Standpunkt zu finden, er hatte Wurzeln in seiner Familie und ob seines Standpunktes hatte er sich auch in seiner kulturellen Umwelt verwurzelt. All dies ist der heutigen entwurzelten Generation völlig unverständlich. Für Weber gab es immer neben der „Pflichterfüllung im äußeren Beruf des Mannes“ 17 die Arbeit am inneren Menschen, die Persönlichkeitserziehung. In Max Weber gab es „eine ungewöhnliche Verbindung von Leidenschaft und Vernunft“. 18 Weber, der sich selbst einen Mystiker nennt, 19 warnt seinen jüngeren Bruder vor dem Begriff des »Mythos« 20. „Der Mythos sei ein Produkt der dichterischen Phantasie eines künstlerisch veranlagten Volkes“. 21 „Mystische, und daher in Worten nicht adäquat kommunikable Vorgänge sind für den solchen Erlebnisse nicht Zugänglichen nicht verstehbar.“ 22

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15 ebd., S. 183
16 ebd., S. 183
17 ebd., S. 186
18 ebd., S. 188
19 Wilhelm Hennis: Max Webers Fragestellung. Tübingen 1987. S. 188: „Eduard Baumgarten erzählt von einem Gespräch. in dem Weber seine Frau fragt: »Kannst Du Dir vorstellen. Du seist ein Mystiker?« Mariannes Antwort: »Das wäre gewiß das Letzte, das ich mir denken könnte. Kannst Du es denn etwa für Dich Dir vorstellen‘?« Antwort: »Es könnte sogar sein. daß ich einer bin. Wie ich mehr in meinem Leben >geträumt< habe, als man sich erlauben darf, so bin ich auch nirgends ganz verläßlich daheim. Es ist, als könnte (und wollte) ich mich aus allem ebenso wohl auch ganz zurückziehen.

20 Hennis: WvM., S. 191: „Er warnt den Bruder vor dem Begriff des »Mythos«, der »scheinbar einen leicht verständlichen Schlüssel dessen gibt, was unseren Verstandesbegriffen und unserer Logik Bauchgrimmen verursacht.“

21 ebd., S. 191

22 Max Weber: Soziologische Grundbegriffe. Tübingen. 1984. S. 20

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Trotzdem scheint diese mystische Grundlage Webers genau das zu sein, was ihn davor bewahrt, zum Sklaven einer Methode zu werden. Ich schließe aus dem Gesagten, daß – zumindest nach Weber – nur rationale Systeme kommunikabel sind und daß Rationalisierungen gleichzeitig auch Sozialisierungen sind. Da wissenschaftliche Erkenntnisse – auch jene einer »Wissenschaft vom Menschen« – an andere Menschen weitergegeben werden sollen, müssen diese rational sein, auch wenn dabei das Opfer gebracht werden muß, Menschen zu >Typen< zu reduzieren.

Als Webers große Vorbilder nennt Hennis Henry Thomas Buckle (1822 – 1862) und Friedrich Albert Lange. „Man muß das Buch (»History of civilisation« von Buckle) wenigstens einmal in der Hand gehabt haben, um das Vorbild für Webers »konstruktivistische«, mit scharfen Begriffen arbeitende, enorme Gelehrsamkeit umwälzende »Kulturgeschichte« kennenzulernen.“ 23 So führt Buckle von dem Einzelnen zum Allgemeinen, von den äußeren Erscheinungen zu dem inneren Gesetz, und das Hauptgesetz aller Geschichte läuft ihm darauf hinaus, daß die Menschen trotz allen Scheines nicht von den Mächtigen der Erde, sondern von den Trägern des Geistes regiert und weitergeführt werden.“ 24 Weber teilte nicht alle Gedanken Buckles, aber doch bekam er eine Ahnung vermittelt „von der Vorstellung der Macht, die Gedanken gegenüber den Verhältnissen auszuüben vermögen.“ 25

Webers Lange-Lektüre fällt in das Jahr 1882, als Weber gerade mal 18 Jahre alt war. Sie verband sich mit der Hauptfrage seiner Generation, nämlich nach der „einzigartigen Umwandlung in der menschlichen Geschichte, die als die tiefgreifendste aller bisherigen Geschichte angesehen werden mußte: (der) radikale(n) Umwandlung der Art und Weise, wie Menschen für ihren Unterhalt sorgen, mit anderen Worten (nach) der Wirtschaftsweise, von denen sie alle abhängen“ 26 nach dem Kapitalismus. Die »politische Ökonomie« (wurde) zur zentralen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts.“ 27
In Langes Werk „Geschichte des Materialismus“ findet Weber alles, was er selber später über den Idealtypus, über den »homo oeconomicus« als gedachten Typ“ 28 schreiben wird.

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23 Hennis WvM., S. 192
24 ebd.. S. 193
25 ebd., S. 193
26 ebd., S. 194
27 ebd., S. 195
28 ebd., S. 196

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Und in Langes Schrift über Adam Smith in „Die Volkswirtschaft und die Dogmatik des Egoismus“ kritisiert Lange Smiths Nachfolger, die nicht mehr die Kehrseite des Setzens der Wirtschaft auf den Egoismus sahen. Auch Max Weber hatte es sich zum Prinzip gemacht, in rationalen Systemen immer die polare Gegenseite aufzuspüren. 29 Vielleicht erkannte Weber bei seinen Lange-Studien, daß alle absoluten Wahrheiten falsch seien, Relationen dagegen können genau sein. 30

„Aber Lange greift Weber noch in anderer Hinsicht voraus, wenn wir bei ihm lesen, daß der »Materialismus« auf dem volkswirtschaftlichen Gebiete darin bestünde, „daß diese Abstraktion mit der Wirklichkeit verwechselt wird“ 31 und daß dieser Irrtum den permanenten Kampf des Menschen mit dem Menschen zur Folge habe. 32

Friedrich Albert Lange charakterisiert den Erfolg eines empirischen Naturforschers, indem er darauf hinweist, daß „nur »methodisch strenge Empirie« ihn zum Ziele führe, (und daß) das »scharfe« und vorurteilsfreie Betrachten der Sinnenwelt und rücksichtslose Konsequenz der Schlußfolgerung« ihm unentbehrlich seien.“ 33

Hennis fügt hinzu: „Das gleiche Ethos hat Weber sich als »Sozialforscher« zu eigen gemacht“; er legt aber Wert darauf, daß der Empirie nicht allein das Feld überlassen werde und zum Selbstzweck verkomme, sondern daß sie dem Höheren, der Zukunftshoffnung, dem Idealen diene.

Weber formuliert das so: „Ist sein (des Sozialforschers) Geist tief und umfassend genug, um mit einer so geregelten (empirischen) Tätigkeit die Anerkennung des Idealen zu verbinden, ohne daß dadurch Verwirrung, Unklarheit oder sterile Zaghaftigkeit in den Bereich seiner Forschungen eindringen, so genüge er dann sicher »höheren Ansprüchen an echte volle Menschlichkeit. … Läßt sich dies (die Anerkennung von Idealen) aber nicht hoffen, so ist es in den meisten Fällen weit besser, krasse Materialisten zu haben, als Phantasten und verworrene Schwachköpfe«. 34

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29 vgl. Hennis. WvM., S. 191: „der für Weber so wichtige Begriff der »Rationalisierung«. der bekanntlich eine Welt von Gegensätzen« enthält…“
30 ebd., S. 197
31 ebd., S. 198
32 vgl. Hennis. WvM., S. 198
33 Lange. Materialismus II, S. 531f
34 Hennis. WvM., S. 203

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Webers Geist war tief genug, um Fragen aufwerfen zu können, die „den Rahmen der üblichen Fächerstruktur“ 35 sprengten, Fragen, die nicht einmal »interdisziplinär« zu behandeln (waren), sondern nur dadurch, daß man für sie eine eigene Methode – und das ist eine besonders zugeschliffene Begriffssprache – fand, und nichts anderes ist die »verstehende Soziologie«. 36 Diese spezifische Methode ist die vom „Idealtyp und Wertfreiheit“. 37

Mit dieser Begriffssprache als Werkzeug machte Weber sich dann daran, das vordringlichste Kulturproblem seiner Zeit zu untersuchen: Den „grundstürzenden Umgestaltungsprozeß, den unser Wirtschaftsleben und damit unser Kulturdasein überhaupt durch das Vordringen des Kapitalismus“ 38 durchmacht. „Webers Fragestellung … besteht im Versuch der Herauspräparierung, welchen Faktor rein religiöse Motive bei der Ausbildung einer für einen »unbefangenen« Menschen so absolut irrationalen Wirtschaftsform wie der, bei der es um Erwerb und immer wieder um Erwerb geht, eigentlich gespielt hatten.“ 39

„Es stellt sich die Frage, wie Weber seine religiöse Empfindungsfähigkeit für die verschlungenen Pfade der Konfessions- und Sektengeschichte geschult hat, die ihn zu seiner, wie wir es doch immer noch annehmen, größten »Entdeckung« befähigt hat. … Weber hat bekanntlich von sich gesagt: »Ich bin zwar religiös absolut unmusikalisch und habe weder Bedürfnis noch Fähigkeit, irgendwelche seelischen Bauwerke religiösen Charakters in mir zu errichten. Aber ich bin nach genauer Selbstprüfung weder antireligiös noch irreligiös«“. 40 Wilhelm Hennis ergänzt: „Seit früher Jugend hatte er ein Bewußtsein für die Bedeutung religiöser Kräfte.“ 41 In diesem Zusammenhang möchte ich zudem auf Webers Selbsteinschätzung als Mystiker hinweisen (s. Fußnote 19).

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35 Hennis. WvM., S. 206
36 ebd., S. 206f
37 ebd., S. 206
38 ebd., S. 209
39 ebd., S. 213
40 ebd., S. 213
41 ebd., S. 213

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4. Kritik und Schluß

Wilhelm Hennis schreibt über den jungen Weber: „Der Einundzwanzigjährige entwickelt hier einen Grundgedanken seiner späteren Religionssoziologie: der »Mythos« entspringe aus einer ganz anderen Seite des menschlichen Geistes »als die Visionen, welche die erregten Geister der ersten Christen erschütterte«. Der Mythos sei ein Produkt der dichterischen Phantasie eines künstlerisch veranlagten Volkes: »wo die künstlerische Kraft fehlt, findet auch der Mythos keinen Boden«. Bei den Römern sei er auf ein »unbeträchtliches Minimum beschränkt« gewesen, bei den »Juden findet er sich im eigentlichen Sinne so gut wie gar nicht. Vollends aber die ersten Christen hatten Wichtigeres zu tun, als sich mit der dichterischen Ausgestaltung religiöser Naturanschauungen auf dem Wege der Phantasie zu befassen“. 42
Dann lesen wir: „Webers Fragestellung … besteht im Versuch der Herauspräparierung, welchen Faktor rein religiöse Motive bei der Ausbildung einer für einen »unbefangenen« Menschen so absolut irrationalen Wirtschaftsform wie der, bei der es um Erwerb und immer wieder um Erwerb geht, eigentlich gespielt hatten.“ 43
Zwischen diesen beiden Zitaten liegt ein Widerspruch, dessen Lösung im folgenden Zitat zu finden ist: „Alle absoluten Wahrheiten sind falsch; Relationen dagegen können genau sein.“ 44

Aus Zitat (43) und eigenen philosophischen Überlegungen geht hervor, daß auch unsere Gesellschaft einen Mythos lebt (dem Ökonomie- und Naturwissenschafts – Mythos), und in Relation (s. Zitat 44) zu unserem Mythos erscheinen andere Mythen, die dem unseren ähnlich sind, unscheinbar oder gar unsichtbar. Deutlich sichtbar sind uns nur die von unserem Mythos stark abweichenden Mythen. Webers „Mythologie-Grad-Skala“ ist nicht absolut, sondern relativ zu unserem vorherrschenden Mythos zu sehen. An diesen beiden Maßstäben – Webers absoluten und meinem relativen – ist auch Webers Wertfreiheitspostulat zu messen. Webers Wertfreiheit bezeichnet nur die aufgrund mangelnder Distanz unsichtbaren Werte. Die „dichterische Phantasie“ unserer Mythen ist uns Heutigen genauso unbewußt, wie die der anderen Völker. Die bewußte dichterische Phantasie unserer heutigen „Berufskünstler“ wäre demnach eine Phantasie zweiten Grades.

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42 ebd., S. 191 (vgl. Text zu Fußn. 21)
43 ebd., S. 213 (vgl. Text zu Fußn. 39)
44 ebd., S. 197 (N gl Text zu Fußn. 30)

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Welchen Nutzen bringt uns Webers „Wertfreiheitspostulat“ trotz meiner Einschränkung, daß es keine Freiheit von Werten bringt, also keine Nüchternheit, keine Neutralität, auf deren Grundlage dann „vernünftige“ Entscheidungen gefällt werden können? Ich denke, der Nutzen liegt allein in der besseren Kommunikation, denn in den Primärurteilen sind alle Menschen gleich: Alle Menschen nehmen dieselbe Erscheinungswelt, welche ja eine „kognitive Welt“ 45 ist, wahr (und nennen sie „objektiv“). So bleibt vom Dreiergespann „Wertfreiheit – Interessen und Ideale“ nur eines übrig: die Ideale. Wir leben in einer Welt kommunikativ abgeglichener Mythen, die mittels Idealen weitergedichtet werden.

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45 Siegfried J Schmidt: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt am Main 1987, S. 16

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3.12.2004- Anmerkungen: Der Widerspruch, der mir aufgefallen war, ist jener, daß Max Weber einerseits Wertfreiheit in einer jeden Untersuchung verlangt, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, aber andererseits höchsten Wert auf Werturteile legt. Weber geht soweit, zu behaupten, daß Wertungen das volle Verstehen auflösen, gar vom Teufel seien und Wilhelm Hennis verstärkt diesen Widerspruch noch, indem er – siehe S. 2 – behauptet, daß Wertfreiheit die Wirklichkeit sei, in die wir hineingestellt seien. Wenn Werturteile derart „böse“ sind – warum sich mit ihnen so ausgiebig beschäftige, wie Weber es tut?

Doch dann löst Weber den Widerspruch auf, indem er Wertfreiheit und Wissenschaft voll in den Dienst seines wertenden Bewußtseins stellt. Die sich widersprechenden Forderungen bringt er in ein hierarchisches Verhältnis, und der Widerspruch ist keiner mehr (ein Patentrezept, dessen auch ich mich schon mehrfach bediente). Weber betreibt eine systematische Ausbildung seines Gemüts – seines Urteils- und Wertevermögens. Die wertfreie Wissenschsaft dient ihm ausschließlich dazu, möglichst differenziert über Werte dikutieren zu können. Bei Weber steht demnach die Wissenschaft ganz im Dienste am (nicht kommunikablen) Mythos. Nicht Wertfreiheit sei Wirklichkeit, sondern ein idealer Leitmythos. Wertfreiheit ist eine Illusion, die dadurch entstanden sei, daß unsere Werte mangels Distanz unsichtbar (unbewußt) geworden seien.

Die moderne Soziologie hat sich Webers Wertfreiheitspostulat vollständig untergeordnet, statt sich bewußt dessen zu bedienen. Die Indienststellung der wertfreien Wissenschaft unter die Persönlichkeitsbildung und Mythenbildung, die Weber forderte, wurde verweigert mit der Folge der Auflösung von Persönlichkeit, Verantwortung und Willensfreiheit, sowie der Unbewußtwerdung der mythischen Grundlage des menschlichen Seins. Wertfrei kann nur die bestehende Situation beschrieben, jedoch keine Zukunft geplant, werden. Mit anderen Worten: Der Mensch hat seine Fähigkeit, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, verloren. Er ist zum hilflosen Spielball äußerer Kräfte geworden. Das Rettende in Webers Philosophie kann nicht mehr verstanden werden. Aus diesem Grund ist die Weber-Rezeption aus der „modernen Soziologie“ praktisch verschwunden: ein Beweis, daß die Soziologie wie sie an der Uni gelehrt wird, eine Herdentierwissenschaft ist. Die „wahre“ Soziologie, in welcher berücksichtigt ist, daß die Wissenschaft dem urteilskräftigen, verantwortungsvollen, bewußten Menschen zu dienen habe, wird offensichtlich anderswo gelehrt oder man muß allein drauf kommen. Die große Politik funktioniert jedenfalls nach Weberscher Art: Sämtliche Ressourcen zur Bildung der eigenen Person einsetzen und dann seine Arbeit tun, welche es auch sei!

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